Das "Dormant Butt Syndrome"

Das „Dormant Butt Syndrome“, zu Deutsch „gluteale Amnesie“ löst bei vielen Menschen erst einmal ein Schmunzeln aus. Dahinter verbirgt sich jedoch eine ernst zu nehmende muskuloskelettale Funktionsstörung – die neuronale Hemmung der Gesäßmuskulatur.​

Aufgrund einer habituell abgeschwächten und/oder neuromuskulär nicht ausreichend ansteuerbaren Gesäßmuskulatur kann diese ihren eigentlichen Funktionen, insbesondere der Extension und Außenrotation des Hüftgelenkes sowie der Stabilisierung des Beckens, nicht mehr vollständig nachkommen. Dadurch bekommen die Muskeln der Oberschenkelrückseite, M. biceps femoris, M. semimembranosus und M. semitendinosus piriformis, welche bei der Streckung der Hüfte eigentlich nur synergistisch wirken, zunehmend mehr Gewicht. Sie erlangen „synergistische Dominanz“. Daraus resultiert eine Überlastung. Da diese Überlastung zweigelenkig, sowohl auf das Hüft- als auch auf das Kniegelenk wirkt, kann es zu Schmerzen in beiden Strukturen kommen.

 

Schmerzfaktoren


Auch die Muskulatur des unteren Rückens ist vermehrt gefordert. Die Nourbakhsh-Studie gibt uns einen Hinweis auf die Faktoren, die mit einem vermehrten Auftreten von Schmerzen im unteren Rücken einhergehen. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass von allen untersuchten Faktoren die Rückenstreckmuskulatur am engsten mit Schmerzen im unteren Rücken in Zusammenhang steht. Andere Faktoren, wie die Länge der Rückenstreckmuskulatur und die Kraft der Hüftbeuger, der Hüftadduktoren und der Bauchmuskeln, waren ebenfalls deutlich mit Schmerzen im unteren Rücken assoziiert.

 

Zusammenspiel der Muskeln


Länger andauerndes Sitzen, aber auch das Schlafen in der fetalen Position haben sowohl Auswirkung auf die passive als auch aktive Beweglichkeit des Hüftbeugers. Das liegt am Zusammenspiel der Muskeln in unserem Körper. So kann der M. iliopsoas durch die dauerhafte Sitzhaltung gleichermaßen verkürzt (passive Beweglichkeit) als auch zu schwach ausgeprägt und angesteuert sein (aktive Beweglichkeit). Diese Verkürzung kann die Gesäßmuskulatur beeinträchtigen. Die Hüftbeuger neigen dazu, den Gesäßmuskel auf Dauer zu dominieren – was das „Dormant Butt Syndrome“ zur Folge haben kann.

Ursachen


Nicht nur eine lange, sitzende Tätigkeit (egal ob am Schreibtisch oder im Auto) ohne durchdachten sportlichen Ausgleich kann das Dormant Butt Syndrom zur Folge haben. Auch durch schlechte Haltung im Alltag und durchaus auch bei sportlichen Aktivitäten kann es passieren, dass die Gesäßmuskeln nicht oder nicht ausreichend genutzt werden. Unsere Muskulatur braucht bekanntlicherweise ausreichende Reizstimulation und große Impulse, um wachsen zu können, beziehungsweise erhalten zu bleiben. Geschieht dies nicht, kann es sein, dass sie regelrecht „vergisst“, zu funktionieren und eine gluteale Amnesie ist die Folge.
Durch die Nichtnutzung besagter Muskulatur kann es zu folgenden Beschwerdebildern kommen:

Schmerzen im unteren Rücken auf einer Seite
Schmerzen im unteren Rücken auf beiden Seiten
Belastung der Bandscheiben
Schmerzen in der Leiste
Hüftbeschwerden, Hüftschmerzen, Hüftarthrose
Schmerzen im Kniegelenk (besonders auf der Innenseite)
Bewegungseinschränkungen der Hals-, Brust-, Lendenwirbelsäule
Menstruationsbeschwerden
Verdauungsbeschwerden
Kompression auf das Nervengeflecht der unteren Extremität (Plexus lumbalis) und somit Nervenkompressionen und Störungen in den Beinen: Kribbeln, Taubheit, Kraftdefizit

 

Muskelfunktionen


Die Gesäßmuskulatur setzt sich aus mehreren Muskeln zusammen. Der größte von ihnen ist der große Gesäßmuskel M. gluteus maximus. Ihn unterstützen der mittlere und der kleine Gesäßmuskel M. gluteus medius und minimus.
M. gluteus maximus ist ein teilweise bewegungsdominanter (phasischer) Muskel, der ebenso wie der M. gluteus minimus und medius zur Abschwächung neigt. Er spielt eine zentrale Rolle bei der Hüftstreckung. Ein Abkippen des Beckens nach vorne (= anterior pelvic tilt) wird durch seine Aktivität verhindert und er ermöglicht uns das Treppensteigen. Das seitliche Abkippen des Beckens verhindern der kleine und der große Gesäßmuskel. Ihre Funktionen werden zusätzlich von der ischiocruralen Muskulatur unterstützt, so dass bei Alltagsbewegungen wie zum Beispiel Gehen und auch bei sportlicher Betätigung eine Abschwächung seiner Aktivität anfänglich meist gut kompensiert wird. Diese Kompensation führt aber bei längerem Anhalten zu unangenehmer oder sogar schmerzhafter Überlastung. Deshalb ist es notwendig, die schlechte Ansteuerung oder mangelnde Kraft der Gesäßmuskulatur zu erkennen und bei Bedarf die Defizite durch Training auszugleichen.

 

Neuronale Aktivierung


Ansteuerungsübungen helfen, der neuralen Hemmung (mangelnde Aktivierung durch Antagonistenhemmung) entgegenzuwirken. So kann der Gluteus seine Funktion als „Prime mover“ (hauptarbeitender Muskel) wieder zurückerlangen. Neuronale Aktivierung erfolgt nach dem Prinzip „use it or loose it“: Wird die Gesäßmuskulatur nicht regelmäßig aktiviert, erfolgt eine schlechtere neuronale Ansteuerung. Andere Muskelgruppen übernehmen dann deren Aufgabe und werden dominanter, man spricht in diesem Fall von synergistischer Dominanz. Wenn man einen Muskel neural restimulieren will, so müssen neue Nervenwege gebildet werden. In diesem Fall zum großen Gesäßmuskel. Man kann sich das wie einen kleinen wenig genutzten Trampelpfad vorstellen, den man mittels Aktivierung in eine vielbefahrene Autobahn verwandelt. Dadurch werden die zuvor synergistisch dominierenden Muskeln entlastet und die kinetische Kette arbeitet wieder funktionell. Ähnlich der motorischen Funktionserholung nach einem Schlaganfall scheint die Anzahl der zu übenden Bewegungsmuster ausschlaggebend zu sein.

 

Mind-Muscle-Connection


Im Zusammenhang mit der neuronalen Aktivierung muss auch die neuromuskuläre Kontrolle beziehungsweise Mind-Muscle-Connection genannt werden. Das ist die Verbindung zwischen Kopf und Muskel. Je häufiger Körper und Geist zusammenarbeiten, desto besser entwickelt sich auch die Eigenwahrnehmung. Interessanterweise haben viele Kunden eine mehr als adäquate Stärke, welche ohne großen Aufwand durch manuelle Muskeltests geprüft werden kann. Auch besitzen sie meist die Fähigkeit, große Gewichte in der Kniebeuge zu bewältigen. Trotz der vorhandenen Stärke kollabieren bei vielen Menschen nach funktioneller Beanspruchung die Knie nach medial. Diesen Kunden mangelt es an angemessener neuromuskulärer Kontrolle und der Fähigkeit, ihren großen Gesäßmuskel adäquat zu aktivieren. Wir denken fast nie darüber nach, die richtigen Muskeln in der richtigen Reihenfolge zu aktivieren, sondern sehen das als selbstverständlich an. Ob wir gehen, Treppen steigen oder von einem Stuhl aufstehen – wir tun es einfach. Dem eigenen Gehirn beizubringen, die richtigen Muskeln zu aktivieren, kann jedoch eine große Herausforderung sein.

 

Taktiles Feedback


​Gerade Trainingsanfänger haben häufig Probleme damit, die Zielmuskulatur einer Bewegung zu erspüren. Sie sitzen im Studio am Latzug und spüren die Armmuskulatur, nicht aber den namengebenden Latissimus. Hier ist es hilfreich, die Hände für taktiles Feedback auf die arbeitende Muskulatur aufzulegen. Auf diese Weise trainierst du die Mind-Muscle- Connection und lernst dabei, dich in deine Muskeln einzufühlen. Eine verbesserte Mind-Muscle-Connection führt dazu, dass du einzelne Muskeln gezielter ansprechen und somit intensiver trainieren kannst. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor im Kampf gegen die gluteale Amnesie.

Die Klassiker Kniebeuge und Kreuzheben sind ideale Übungen, um den Gesäßmuskel zu kräftigen. Bei korrekter Anwendung führt man diese am besten einbeinig durch. Sehr gut geeignet ist auch der sogenannte „Step-up“. Hierbei steigt man – ähnlich dem Treppensteigen – einbeinig auf eine Box.

 


Quelle: shape UP 3/2021
Abbildung: Yakobchuk Viacheslav / shutterstock.com

 

 

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